FASZINATION GLAS -

Spektakuläre Glaskunst von Jörg F. Zimmermann im Keramikmuseum Mettlach

Formen mit höchster Spannung und größter Ausgewogenheit

„Arbeiten am kalten Glas ist immer eine Zerstörung, auch wenn es mit noch so feinen Mitteln geschieht“ – Jörg F. Zimmermann, einer der einflussreichsten Glaskünstler der Gegenwart, hat sein künstlerisches Credo glasklar formuliert. Seine beeindruckenden Skulpturen, Objekte oder Bilder, die er ausschließlich durch Bearbeitung des heißen, formbaren Glases schafft, sind inspiriert von den komplexen und in verschiedenen Ebenen wiederkehrenden Ordnungsverhältnissen der Natur. Die faszinierenden Werke, die eine herausfordernde Gleichzeitigkeit von Fragilität und gewaltiger Tragkraft besitzen, reflektieren „das ‚Zusammenleben’ nach den Gesetzen und Ordnungsprinzipien der Natur. In den kleinsten Räumen der Mikroorganismen über die mit dem bloßen Auge sichtbaren Zellen, etwa einer Bienenwabe oder Seifenschaum, bis zur riesigen Sanddüne der Sahara oder den Wasserwellen“.

 

Vom Glasmacher zum Glaskünstler

Jörg F. Zimmermann, 1940 in Uhingen/Baden-Württemberg geboren, kam zu dem Werkstoff Glas ebenso zwangsläufig wie widerwillig: Als ältester Sohn übernahm er nach dem Tod seines Vaters dessen Betrieb für Glasgestaltung, obwohl ihm die Geräusche beim Schleifen des Glases stets Unbehagen bereiteten und er eigentlich lieber Gärtner oder Landwirt geworden wäre.

Nach der Ausbildung zum Glasmacher und einem Studium für Glasgestaltung war er ab Ende der 1960er Jahre als freiberuflicher Industriedesigner für renommierte Unternehmen wie WMF oder Rosenthal tätig. Dabei lieferte er nicht nur Entwürfe, sondern entwickelte auch innovative Werkzeuge und Herstellungsprozesse. Ab den 1970er Jahren arbeitete er zunehmend als freischaffender Künstler. Seit 1976 ist er darüber hinaus Lehrbeauftragter, beispielsweise an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Zahlreiche Arbeits- und Studienaufenthalte, u. a. in Europa, den USA und Nordafrika, ermöglichten Zimmermann einen internationalen Austausch mit Künstlerkollegen. Im Jahre 2002 wurden seine Arbeiten mit dem Hanns-Model-Preis ausgezeichnet.

 

Von der reinen Funktionalität zum Kunstobjekt

Künstlerisch steht Jörg F. Zimmermann in der Tradition der „Studioglasbewegung“, die in den 1960er Jahren in den USA entstand und in den darauf folgenden Jahren weltweite Resonanz fand. Bis dahin wurde Glas als ein rein funktionaler, durchsichtiger Werkstoff eingesetzt, beispielsweise für Fenster, Vitrinen oder Behältnisse aller Art. Kunsthandwerklich bearbeitet und dekoriert wurde lediglich das kalte Glas, etwa durch Schleifen und Schneiden, Ätzen, Polieren oder Bemalen. Mit der neuen Studioglasbewegung wurde erstmals das Glas selbst zu einem Medium der freien Kunst, es entwickelte sich von der reinen Funktionalität hin zu einem Kunstobjekt sui generis: In kleinen Miniwerkstätten, auch Studios genannt, wurden individuelle, experimentelle Unikate, Plastiken oder Skulpturen direkt am Ofen selbst gefertigt.

Die starke Abneigung gegen jenen „gewaltsamen“ Eingriff am kalten Glas ist bestimmend für das gesamte Schaffen von Jörg F. Zimmermann. Charakteristisch für seine Arbeiten sind die so genannten Wabenobjekte: Das Glas wird durch ein ebenfalls erhitztes Metallgitter geblasen und wächst durch Temperaturschübe, Schwerkraft und Bewegung zu einem einzigartigen Körper – in dessen Innerem ergänzen sich die aufgeworfenen Blasen zu einem Wabenmuster und erstarren schließlich zu einem Zellsystem. Jörg F. Zimmermanns Leitgedanke ist dabei stets „die Idee, in der Natur vorhandene Baustrukturen aufzugreifen, Gewachsenes und Organisches, das sich sowohl im Mikro- als auch im Makrokosmos wiederholt“.

Die bemerkenswerte Ausstellung mit Werken von Jörg F. Zimmermann ist vom 28. März bis zum 16. September 2012 im Keramikmuseum Mettlach, Erlebniszentrum von Villeroy & Boch, zu sehen.